Der bevorstehende Super Bowl hat es geschafft, uns mal wieder dazu zu bringen, aus den Niederungen des Daseins als Linkschleuder mit mehr oder weniger brauchbaren Hinweisen und Kommentaren emporzusteigen in die Welt der interessierten Blogger, die ausführliche eigene Gedanken in die Welt setzen. Hier also die lang erwartete Vorschau für Super Bowl XLV zwischen den Green Bay Packers und den Pittsburgh Steelers. [Wer keine Lust auf fast 2000 Wörter Buchstabensuppe hat, hier die immer gültige Vorschau für jedes Footballspiel: woher soll ich wissen, wie´s ausgeht? Aber ich weiß, daß am Ende immer die selben drei Dinge entscheiden: 1) Turnovers 2) Penalties 3) Special Teams Play. Weil das aber zu kurz wär für eine SB-preview, folgende Gedanken.]

Establish the run

Die Packers front-3 mit mehr oder weniger drei Nose Tackles, die sich auf die Positionen der vorderen Reihe der 3-4-D verteilen (Ryan Pickett, B.J. Raji, Cullen Jenkins), ist fett und langsam – das spielt genau in Pittsburghs Hände. Denn wenn Pittsburghs O-Liner überhaupt irgendwas sind, dann riesig und nur brauchbar gegen langsame D-Liner. Und Green Bays Linienspieler sind eben alle kein Richard Seymour oder Ndamukong Suh, sondern Brecher mit der Figur von Vince Wilfork – weit nördlich der 300lbs-Marke. Pittsburghs O-Line sieht genauso aus: RT Flozell Adams ist 6-7, 338; LT Jonathan Scott ist 6-6, 318, LG Chris Kemoeatu 6-3, 344; RG Ramon Foster 6-6, 325; C Doug Legursky 6-1, 315. Der Ausfall von Center Maurkice Pouncey wiegt schwer, nicht ohne Grund wurde er schon in seinem ersten Profijahr in den Pro Bowl gewählt. Legursky wird einen langen Tag haben, meistens gegen Raji. Auch Adams und Scott sind eigentlich nur Backups, machen aber zumindest im run blocking eine ganz ordentliche Figur. LG Kemoeatu ist einer der besten pulling guards der NFL (heißt: er verlässt seine Position, läuft horizontal auf die andere Seite der Linie und schiebt einen LB aus dem Weg und reißt eine Lücke für seinen RB.). Um eine Chance zu haben, müssen die Steelers (ja, ja, Phrasenschwein…) das Laufspiel etablieren, und zwar durch die Mitte, zwischen den Tackles. Daß sie das können, haben sie zumindest in der ersten Halbzeit des AFC Championship Games gegen die Jets gezeigt.

Packers Pressure vs Steelers Protection

Das sollte dann auch wenig Druck vom Paßspiel nehmen. Die O-Line wird einen ganz schweren Stand haben gegen die zone blitzes der Packers. Gerade für OLB Clay Matthews und Nickelback Charles Woodson muß eine Lösung gefunden werden. Aber das ist taktisch durchaus möglich Variante 1: von Anfang an stete Unterstützung von den RBs Rashard Mendenhall, Mewelde Moore und Isaac „Redzone“ Redman. Gerade Mendenhall hat sich in Sachen blitz-pick-up gemacht. Variante 2: TE Heath Miller von Zeit zu Zeit an der Linie lassen und Blitzer aufnehmen; darin ist Miller einer der besten Tight Ends der NFL. Variante 3: 3 WR in Bunch-Aufstellung nahe der O-Line positionieren, um so Matthews und Woodson zu binden. Passenderweise ist die Bunch-Formation essentieller Bestandteil jedes game plans der Steelers. Variante 4: einfach mal 6 O-Liner aufstellen, wie das Divisionsrivale Baltimore so gerne macht. Das hat Pittsburgh bis jetzt zwar überhaupt noch nicht gemacht, aber das letzte Spiel der Saison ist immer ein guter Zeitpunkt etwas ganz neues zu zeigen (manchmal aber auch nicht, Chip Kelly!). Variante 5: Big Ben wirds schon richten. Roethlisberger ist der beste QBs, wenn es darum geht, einem Sack auszuweichen. Wenn ihm danach ist, läßt er die Blitzer auch schon mal einfach an seinem bulligen Körper (6-5, 241 – wirkt wie 280) abprallen, weicht mit komischen Bewegungen, die nach rhythmischer Sportgymnastik aussehen, jedem noch so schnellen Verteidiger aus oder scramblet leichtfüßig durch die Gegend. Selbst wenn er schon scheinbar gepackt ist, kann er immer noch einen guten Paß spielen. Es sieht zwar auf den ersten Blick – aggressiver pass-rush aus zone-blitzes mit Typen wie Matthews und Woodson gegen langsame Ersatz-Offensive-Line – nicht so aus, aber ich denke, daß die Steelers ganz gut damit umgehen können. Und wenn sie das können, kommt das Paßspiel.

Steelers Receiving Corps gegen Packers Secondary

Green Bays CB Tramon Williams ist einer der besten Cover-Guys der Liga. Er muß keinen Vergleich scheuen mit Namen wie Asomougha, Revis oder Bailey. Allerdings kan auch Williams immer nur einen Angreifer verteidigen. Pittsburgh hat nun aber neben dem deep-threat der Liga, Mike Wallace (60rec, 1257yds, 21,0ypc (!), 10TDs), auch noch die erfahrenen Ballempfänger Hines Ward (16 Playoff-Spiele), Antwaan Randle-El (11) und Heath Miller (9), dazu kommt Rookie Emmanuel Sanders, der sich im Laufe der Saison Position 3 im WR-depth-chart erarbeitet hat. Und zu allem Überfluß hat auch noch der zweite Rookie in diesem Mannschaftsteil, Antonio Brown, gegen die Ravens und die Jets mit ganz wichtigen Catches gezeigt, daß er Plays machen kann. Also wenn Wallace, Ward, Sanders, Randle-El und Miller gerade nicht können. Auf der Packers Seite stehen dagegen als CBs die schon angesprochenen Williams und Woodson und der nicht gedraftete Rookie Sam Shields. Shields hat sich so gut entwickelt, daß er an der Seitenlinie gegenüber Williams verteidigt. Allerdings ist Shields eben Rookie, alles andere als perfekt und kann damit zum gefundenen Fressen werden für erfahrene Typen wie Roethlisberger, Ward und Randle-El. Woodson spielt dafür fast nur noch im Slot, was aber auch damit zu tun hat, daß er mit seinen 34 Jahren nicht mehr der Jüngste ist und seine allerbesten Coverage-Tage hinter sich hat. FS Nick Collins versteht sein Geschäft von vorne bis hinten. SS Charlie Pepprah aber ist der Schwachpunkt der Packers Secondary. Und ihn müssen die Steelers angreifen. Wie man einen schwachen Safety am besten angreift, hat man dieses Jahr exemplarisch im Wild Card Game der Chiefs gegen die Ravens gesehen, TE Todd Heap hatte das Spiel seines Lebens mit 10 Catches für 108 Yards. Ein erfahrener, mit sicheren Händen ausgestatter TE ist Gift für eine derartige Schwachstelle. Und, tada: begrüßen sie den MVP des SB XLV: Heath Miller! Ja, gewagte Prognose, aber ich bin mir sehr sicher, daß Miller eine ganz große Rolle im gameplan der Steelers spielen wird. Insgesamt ist Pittsburghs Receiving Corps einfach zu viel für Green Bays Secondary. Wenn die Protection für Big Ben wenigstens so gut ist, daß er nicht ununterbrochen Rasen im Gesicht hat, und Green Bay auch ein wenig Respekt für Pittsburgh Laufspiel haben muß, dann wird es viele Yards und Punkte regnen.

Packers Laufspiel gegen Steelers Front-7

Chancenlos. Gar nicht erst probieren. Hier kann Green Bay nur verlieren. Mit Casey Hampton haben die Steelers einen der besten Nose Tackles der Liga, einer der unbesungenen Helden der besten Defense der Liga. Daneben stehen mit Ziggy Hood und Beard Keisel zwei mehr als solide DEs. Und dahinter stehen dann vier der besten Linebackers der Liga. Ja, man kann es gar nicht oft genug sagen: James Harrison, LaMarr Woodley, Lawrence Timmons und James Farrior gehören alle zu den besten LBs der geamten NFL. Dazu kommt, daß Green Bays O-Line nur mäßig ist. Die Tackles Chad Clifton, Rookie Bryan Bulaga und LG Daryn Collegde sind bestensfalls Durchschnitt. Center Scott Wells ist ganz solide. RG Josh Sitton dagegen ist einer der besten Guards der Liga. Letztendlich ist viermal „so mittel“ plus einem „herausragend“ kombiniert mit einem (überschätzten) RB, der erst sechs Spiele in der NFL gemacht hat, James Starks, viel zu wenig gegen die gegen die beste Laufverteidigung der Liga.

Rodgers gegen Steelers Passing-D

Also müssen die Packers passen. Viel passen. Sie sollten natürlich das Laufspiel nicht komplett weglassen, aber sie müssen sich bewußt sein, daß Raumgewinn nur durchs Paßspiel drin sein wird. Und das ist gar nicht sooo schwierig gegen Pittsburgh, wie man meinen könnte, wenn man immer nur Schlagworte hört wie: No.1-Defense, beste Defense der Liga, Genie Dick LeBeau,Troy Polamalu usw. Angreifen muß man Pittsburgh mit 4 oder gleich 5 Wide Receivers. Spread ´em out ist das Geheimnis. So kann man die LBs der Steelers weit auseinanderziehen und den Druck auf den QB reduzieren. Und auch hier ist es wie gemalt für einen aufregenden Super Bowl: denn das ist doch genau das, was Green Bay eh immer macht und Green Bays QB Aaron Rodgers ist zur Zeit heiß, so heiß wie das Buschmann´sche Frittenfett. Der Playoff-Druck scheint ihm überhaupt nichts auszumachen, was bei QBs in ihren ersten Januarspielen sehr ungewöhnlich ist. Matt Ryan hat zwei Playoff Spiele gemacht und war in beiden von der Rolle. Matt Cassel war dieses Jahr furchtbar. Nicht zuletzt der Rookie Roethlisberger hat in seinen ersten beiden Playoff-Spielen schlecht ausgesehen und 5 Interceptions geworfen. In seinem zweiten Profijahr hat er dann im Super Bowl so gespielt: 9/21, 123yds, 0TDs, 2Ints. Rodgers´ erstes dagegen Spiel in der Postseason (letztes Jahr gegen Arizona) war eine der besten Leistungen der letzten Jahre: 28/42, 423yds, 4TDs, 1Int. In diesem Jahr hat er in der Divisional Round im Georgiadome die an 1 gesetzten Falcons mit einem der besten Playoff-Spiele aller Zeiten auseinandergenommen: 31/36, 366yds, 3TDs, 0Int – die Zahlen sind absurd. In seinen bisher vier Playoff Spielen hat Rodgers 69,6% seiner Pässe für 1213 Yards an den Mann gebracht und 10 Touchdowns bei nur 3 Interceptions geworfen, das reicht für ein QB – Rating von 113,0. Zurück zu Rodgers gegen Steelers. Letztes Jahr in der Regular Season gegen Pittsburgh waren die Zahlen für Rodgers überragend: 26/44, 383yds, 3TDs, 0Int. Ähnlich gute QBs in ähnlichen Systemen haben ähnlich gute Zahlen gegen die Steelers zustande gebracht. Brady dieses Jahr: 30/43, 350yds, 3TDs, 0Int. Brees diese Saison: 34/44, 305yds, 2tds, 1Int. Und nicht zuletzt Kurt Warner im letzten SB, in dem die Steelers gespielt haben: 31/43, 377yds, 3TDs, 1Int. Quintessenz: starkes Receiving-Corps mit Jennings, Driver, Jones, Nelson und Quarless. Dazu Rodgers in Topform und der Style der Packers-Offense ist zufällig genau derjenige, der Pittsburgh Defense am wenigsten liegt. Alles unter 300 Passing-Yards der Packers würde mich schwer wundern. Aber.

Steelers Playmakers on Defense gegen denjenige Packern, der den kostspieligen Fehler macht

Wie der geneigte Beobachter bis hierher herauslesen konnte, erwarte ich ein Spiel mit viel Raumgewinn und vielen Punkten. Der Knackpunkt wird sein, ob die Playmakers in der Verteidigung der Steelers ein, zwei wichtige Turnovers generieren können. Und niemand kann das besser als OLB James Harrison und der Defensive Play of the Year Safety Troy Polamalu. Das Head&Shoulders-Model ist schon legendär mit seinen wichtigen, oft spielentscheidenden plays. Hier der Sack beim dritten Versuch, da die Interception mit langem Return und wieder hier mit dem richtigen Näschen für die Lücke, die der gegnerische RB sich ausgesucht hat. Allerdings muß ich von den Steelers-Spielen, die ich dieses Jahr gesehen habe, sagen, daß Polamalu nicht so überragend war wie sonst. Mehrmals haben ihn sein – normalerweise unfaßbar sicherer – Instinkt getäuscht und im Dezember und später auch gegen die Ravens in den Playoffs hab ich sogar missed tackles von ihm gesehen. Wenn ihm das morgen nicht passiert, wird er seine Highlights kriegen. Harrison hätte dieses Jahr den DPOY-Award verdient gehabt. Er ist der beste Outside Linebacker der Liga. Keine Diskussion. Wenn man sich einen OLB schnitzen könnte, würde Harrison dabei rauskommen. Er ist perfekt gegen den Lauf, der beste blitzing-LB der Liga und – das geht oft unter – unschlagbar auch in der Paßverteidigung. Viele werden sich noch an einen der besten Momente in der Super-Bowl-Geschichte erinnern. Der 100-Yard-Interception-Return gegen die Cards.

Wenn also Harrison oder Polamalu zeigen, warum sie heute schon legendär sind, ob mit Interceptions oder Fumbles, die können alles, werden ein, zwei Drives der Packers abgewürgt und die machen dann den Unterschied. Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit, daß es so kommen wird, ist größer, als die Wahrscheinlichkeit, daß es nicht passieren wird. Also zusammenfassend: viele Pässe, viele Yards, viele Punkte und am Ende wird ein Verteidiger den Unterscheid machen. Steelers 38, Packers 27.