Bill Simmons, einer der bekanntesten Sportschreiberlinge der zivilisierten Welt, hat aufgrund seiner Bekannt- und Beliebtheit von ESPN sein zweites großes Projekt bekommen: eine eigene Website, die sich dem Sport verschrieben hat und sich auf lange Beiträge konzentriert, die geistreich, tiefschürfend, provokant, witzig und komplex sind und idealerweise die sportliche Seite mit “Pop Culture” verbinden. Also im Grunde genau das, was Simmons seit Jahren auf ESPNs Page Two macht; nur mit mehr Leuten und weniger effektheischendem Livetickerjournalismusbrimborium rundrum. (Sein erstes Projekt war 30 for 30)

Ausweislich seines Welcome Posts soll es im Laufe der nächsten Wochen neben dem Sports Blog auch noch einen Pop Culture Blog geben, Raum für Kommentare der Leser, ein “podcast network”, ein vierteljährlich erscheinendes Printmedium und noch so Zeugs mehr.

Für die Seite Grantland.com, die nach dem legendären Sportjournalisten Grantland Rice benannt ist, hat Simmons vier feste Kolumnisten engagiert: Chuck Klosterman, Chris Jones, Chris Ryan und Tom Bissell und allerlei mehr oder wenig freie/feste Redakteure. Nach Simmons Auskunft sollen die Mitglieder des gesamten Teams so sein wie er (s. erster Absatz), idealerweise noch mit dem Zusatz “up and coming,”. Man wird sehen. Der erste Eindruck jedenfalls ist sehr vielversprechend.

Von den Kolumnisten kenne ich nur Chuck Klosterman, allerdings nicht als Schreiber – die Kollegen von Wikipedia sagen, daß er Verfasser von sieben Büchern über Popkultur oder sowas ist –, sondern nur als einen der Typen, die bei den mittlerweile ungezählten Top-10-Countdowns von NFL Films rumsitzen und ihre zwei Cents über den achtbesten linkshändigen Quarterback aller Zeiten oder das drittbeste Bad-Weather-Game abgeben. Da kommt er immer so rüber, wie Robin Williams in einer Mischung seiner Rollen aus “Good Will Hunting” und „Club der toten Dichter“. In der NFL Films Series der 100 besten Spieler aller Zeiten hat er unter anderen Roger Staubach präsentiert.

Klosterman geht jetzt in einem der ersten Artikel auf Grantland der Frage nach, warum ihm nur Livesportgucken Spaß macht und bastelt sich einige Gründe dafür zusammen, warum Aufzeichnungen gucken blöd ist. Zum Beispiel:

Irrational 1: “Perhaps my personal involvement with this game will impact the outcome”.

This, certainly, is a crazy thing for anyone to believe. But whenever I discuss this topic with other people, they inevitably allude to the notion of being involved with what they’re seeing. There is a massive sector of the populace who think they are partially responsible for what happens in the games they’re watching on television; they believe their psychic energy plays a role in what happens to other people in other cities. These consumers tend to fall into one or more of the following categories:

  • a. People who get mad at total strangers for not standing up and cheering at live events.
  • b. People who swear at inanimate objects.
  • c. People who refer to teams composed of people they’ve never met as „We.“
  • d. People who think God has a vested interest in certain teams‘ succeeding.1
  • e. People who applaud at the conclusion of movies, just in case the director happens to be sitting in the theater.
  • f. People who worry about Susan Miller.2
  • g. People who refuse to accept that even „live“ TV events are on a seven-second delay.
  • h. People who set their watch five minutes ahead to fool themselves into being on time.
  • i. People who are eventually arrested for failed assassination attempts.

So schreibt er das runter: es ist meistens ein richtiger Gedanke dabei, manchmal auch nicht, aber dann kann man sich zumindest gut darüber streiten und unterhaltsam ist es allemal. Interessant auch sein fünfter Grund gegen das Schauen von Sportveranstaltungsaufzeichnungen:

2. „If this game has already ended and I don’t know anything about what happened, it was probably just a game“

“What I’ve come to accept (and this is both good and bad, but mostly bad) is that — for the rest of my life — I will never not instantaneously know about any marginally insane event. There’s just no way to avoid the information. The world is too mediated and interpersonal relationships are too connected. Because most adult relationships are now predominantly based around new technologies, it’s almost as if there’s a built-in responsibility to immediately distribute whatever interesting information we acquire. People constantly complain about Facebook, but that doesn’t mean it hasn’t changed them; they’re complaining because it has changed them. And they know it. They can feel it. There’s still a difference between somebody’s online profile and who they actually are, but that difference is decreasing and — in 10 years — will likely become negligible. Everyone has become a special-interest newspaper. Everyone wants to break news.”

Irgendwie paßt das nicht ganz zu einem Grund, den er voranstellt. Aber das ist trotzdem ein wichtiger Gedanke. Er pöbelt die moderne Medienlandschaft und die allgegenwärtige Vernetzung von allem mit jedem an. Dahinter steht das “immer mehr und vor allem immer schneller”, das aber gar nicht besser ist, sondern nur oberflächlicher. Ich habe durch das ununterbrochene livegetickere und rumgetwittere mehr Informationen als jemals zuvor. Aber ich weiß nicht mehr, sondern eher weniger als früher. Man sollte zu diesem ganzen Komplex unbedingt Rolf Dobellis Aufsatz “Avoid News. Towards a Healthy News Diet.” lesen. Gefunden habe ich den Link ironischerweise bei AdvancedNFLStats.com. Ironischerweise, weil ich AdvancedNFLStats.com als auch Dobelli regelmäßig lese und nie gedacht hätte, daß der eine mich mal auf etwas von dem anderen hinweisen könnte, das ich noch nicht kenne. Die weltweite Vernetzung hat auch ihr Gutes. Dobelli ist mir ein Begriff, seit er eine Kolumne in der FAZ hat (immer montags im Feuilleton); das Zeug ist meistens ganz lesenswert, was mir aber immer wieder aufstößt ist folgendes: ich habe manchmal das Gefühl, daß Dobelli einen Gedanken von Jonah Lehrer oder Malcolm Gladwell genommen und ihn einfach nur ins Deutsche übersetzt hat, ohne jeglichen eigenen Gedanken hinzuzufügen. Und weil Gladwell auch für Grantland schreiben wird, kriegen wir hier wieder ganz elegant die Kurve zurück zu Simmons. Die beiden kennen sich ganz gut und haben schon mehrere sports-related Email-Wechsel veröffentlicht, hier und hier. Daß Gladwell aus ungewöhnlichen, sehr passenden Blickwinkeln über Sport schreiben kann, hat er mit seinen laangen Texten über „Drafting Quarterbacks“ und Underdog-Strategien.

Wenn man den letzten Absatz mit allen seinen Verweisen und Gedanken zusammenrührt, hat man, denke ich, die Idee von Simmons´ Grantland. Es ist alles lang und klug und komplex und mehrdeutig; und wenn man dann auch noch die Fußnoten, die jeder Text hat, mit dazu nimmt, ist man manchmal gar nicht mehr überrascht, wenn sich irgendwie eine akademische Hauptseminarsatmosphäre einstellt.

Und überhaupt ist es unglaublich angenehm, eine Sportseite im Internet zu besuchen, wo nicht drei eingebettete Videos gleichzeitig laufen, ein Newsticker quer über den Bildschirm geschoben wird, zweiundzwanzig Boxscores von acht verschiedenen Sportarten eingebunden sind und zwölf Newsbulletpoints irgendwas mit shocking/crazy/stunning/DUI schreien.

Grantland ist viel weiß und viel Text. Schön.

(Daneben hat Klosterman noch einen schönen Essay geschrieben über ein Juco-Basketball-Spiel in North Dakota, 1988. Interessante Geschichte über ein Team, das nur fünf Spieler hatte, von denen am Ende nur noch drei auf dem Feld standen und trotzdem gewannen gegen ein Team, das viel besser und physisch deutlich überlegen war und die Spieler sich Spitznamen gaben wie “The Total Package. Tolle Story, schön erzählt. Schreiben kann er.)

Die Simmons-eigenen Artikel über LeBrowndown, den (aufziehenden) Arbeitskampf in der NBA und die NHL sind klassische Simmons-Stücke, wie er sie in den letzten Jahren auf ESPNs Page Two so oft geschrieben hat: unterhaltsam, witzig, mit überraschenden Vergleichen, meinungsstark, kurzweilig. Insgesamt habe ich das Gefühl, daß Simmons in den letzen sieben Tagen mehr geschrieben hat, als auf Page Two in den letzten sieben Monaten. Wenn er es schaffen würde, jede Woche ein oder zwei schöne Stücke rauszuhauen, hätte er das richtige Maß gefunden. (Dieses Maß bewegte sich zwischen “mehr als bei Page Two” und “weniger als in der ersten Woche bei Grantland”.)

Die meisten Leute, die bis jetzt auf Grantland geschrieben haben, kenne/kannte ich nicht. Allerdings war alles, was ich mir dort bis jetzt zu Gemüte geführt hab, mehr oder weniger lesenswert. Zu empfehlen ist der Dirk-vs-the-Heat-Artikel, in welchem Bill Barnwell den “Dirk-ist-in-den-Playoffs-gar-nicht-besser-sondern-macht-nur-mehr-Teil” geschrieben hat. Simmons hat Barnwell von der großartigen Seite FootballOutsiders.com weggelockt. Außerdem The Self-Aware NBA von einem gewissen Carles; Lockout Limbo, in dem Robert Mays über Chase Beeler schreibt, der letztes Jahr der Center von Andrew Luck war und jetzt als undrafted Free Agent auf das Ende des NFL-Lockouts wartet; und Jay Caspian Kangs Artikel über den disappearing LeBron James.

Grantland.com ist jetzt schon eine Bereicherung für die Sportmedienlandschaft.